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Corona-Gespräche | 08

Heute zu Gast: Hartmut Scholl, Oberhausener Unternehmer und Gründer

„Es ist Zeit für eine breit getragene Aufbruchstimmung in Richtung Neues und Innovation, ein Oberhausener Innofest“

Der Oberhausener Unternehmer und Gründer Hartmut Scholl ist Vorstand der reflact AG und des Regionalen Business Partner Club e.V., Pionier im Bereich digitales Lernen, körperlicher Grenzgänger und Intellektueller mit Freude an vielen Wissenschaften und Kulturen.

Sonja Bongers: Wie läuft es derzeit in Ihrem Unternehmen? Wie ist zum Beispiel der Arbeitsalltag organisiert?

Hartmut Scholl: Zurzeit sind von den 70 Mitarbeitern fast alle im Homeoffice und den Leuten gefällt das richtig gut. Normalerweise hätten wir heute wie üblich eine gemeinsame Sitzung mit allen gehabt. Das läuft nun online. Nach den guten Erfahrungen dieses Jahres wird wohl auch zukünftig immer ca. Hälfte unserer Mannschaft weiter von zuhause arbeiten.

Sonja Bongers: Was hatte Corona bislang für Auswirkungen auf die reflact AG?

Hartmut Scholl: Im vergangenen Jahr ging es erstmal total durch die Decke. Wir haben drei Produktfelder und das derzeit wichtigste ist das Thema „Virtuelle Konferenzen im Trainingskontext“. Wir nehmen die Kund:innen dabei komplett mit und liefern neben der Technologie auch das nötige Knowhow, das es braucht, um die Ziele zu erreichen. Lösungen auch für die letzte Meile sind wichtig, gerade jetzt wo es turbulent ist. Lieferung an die Bordsteinkante passt da nicht. Wir setzen dabei auf stetige Erfolgsunterstützung des Kunden. Das Thema und diese Haltung hat natürlich viele Interessenten und letztendlich auch Abnehmer angezogen. Aber wir stehen beim Thema der virtuellen Gleichzeitigkeit indirekt auch in einer gewissen Konkurrenz zu reinen Meeting-Werkzeugen wie Zoom oder Teams. Das fordert. Wenn die schlimmsten Monate der Pandemie bald hinter uns liegen, sind wir wieder für das gesamte Spektrum der Fragen rund um das Thema virtuelles Lernen da. Da geht es dann auch um Systeme zur Steuerung des Prozesses durch die digitalen Lehrpläne und die Frage wie den einfach begeisternde Lerninhalte zum Selbststudium entstehen. Ein PDF reicht ja nicht. Ebenso aber auch die Fragen wie bereite ich einen online stattfindenden Kurs vor, wie vermittle ich und vieles mehr.

Sonja Bongers: Es wird ja viel über digitales Lernen gesprochen. Da sind besonders jetzt die Schulen im Fokus. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Hartmut Scholl: Eine gute, wichtige – aber nicht einfach Frage: Im Sommer als es klar war, es wird mit der Pandemie noch dauern, haben wir zu den Schulen auf übergeordneter Ebene den Kontakt aufgenommen. Aber wir haben dann relativ schnell festgestellt, dass dort die Möglichkeiten schnell etwas ändern zu können – vielleicht auch zu wollen – zu wenig vorhanden waren. Nach intensiver interner Diskussion, auch mit den Mitstreiter:Innen – viele davon selber Eltern – war klar, wir hätten uns monatelang auf das deutsche Schulsystem fokussieren müssen und es wäre mit großer Wahrscheinlichkeit nur wenig dabei herausgekommen, denn die Ratlosigkeit und Diffusion der Verantwortung war groß.

Sonja Bongers: Aber was kann man denn in dem Fall tun?

Hartmut Scholl: Man muss den Schulen nicht nur die technischen Möglichkeiten an die Hand geben, sondern auch die Rezepte, wie sie damit nun umgehen sollen. Das ist das Gleiche, als wenn ich einen Thermomix kaufe. Ohne die nötigen Rezepte dazu, wird mir kein Gericht gelingen. Wir sind in diese Jahr leider deutlich hinter den Möglichkeiten geblieben. Und jetzt stelle ich mir mit Sorge die Frage, wie es nach dem Ende der Pandemie aussieht. Wie werden, welche Erfahrungen verarbeitet? Sicher haben diejenigen recht, die sagen, das rumgezoome war doch keine echte Lösung. Ich finde, wir müssen nun aber Schlüsse ziehen die uns ermuntern weiter voran zu gehen, statt ab Herbst wieder weiter zu machen wie vor Corona? Ich bin felsenfest davon überzeugt, es kann viel gehen im Hinblick auf Digitalisierung im schulischen Bereich. Wir können viel erreichen, wenn wir gemischte Formen des Lehren und Lernens zusammenführen. Um wirklich voranzukommen, dürfen und müssen wir uns aber auf allen Ebenen viel mehr vornehmen.

Sonja Bongers: Ist das Thema denn dann für Sie und ihre Firma verloren?

Hartmut Scholl: Wir bei reflact finden das Thema immer noch hochspannend und sehen auch eine Verantwortung die wir als Eltern und als Staatsbürger haben, ja und wir sehen einen spannenden – aber leider sehr komplizierten – Markt im Entstehen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass wir hier bald wieder aktiver werden, wenn es die Prioritäten im Bereiche des betrieblichen Lernens erlauben.

Sonja Bongers: Ein anderes Thema, das für Oberhausen zukunftsweisend ist, ist die Wirtschaftsförderung. Wie sehen Sie die derzeitige Situation?

Hartmut Scholl: Wenn sie tolle Firmen für Oberhausen akquirieren wollen, müssen sie ein tolles Team haben, das den Firmen gegenübersteht. Hier geht es um mehr, als um die Frage des Engagements der dedizierten Wirtschaftsförderer. Es geht um die Stimmung in der Gruppe derer, die Wirtschaft in Oberhausen ausmachen. Da müssen wir zusammen auch hier in eine Stimmung des Voranbringens und Aufbrechens investieren, sonst wird das schwierig. Wir hatten ja mal im Kulturbereich bei den Kurzfilmtagen in den 1960er Jahren das Oberhausener Manifest. Das hatte eine enorme Signalwirkung in die deutsche Filmkultur und letztlich sogar die bundesrepublikanische Gesellschaft. Mit einem Augenzwinkern würde ich gerne sagen: Was wir jetzt brauchen, ist das Oberhausener Innofest, einen Fokus auf Veränderung, auf Innovationen, die an bestehendem anknüpfen aber mutig Räume nach vorne öffnen.

Sonja Bongers: Wie könnte das aussehen?

Hartmut Scholl: Wachsende Politikverdrossenheit ist eine großer Herausforderungen für unsere Demokratie. Da kann man mit guten Ideen in der Kommune Entwicklungen abfedern oder gar umdrehen. Ganz wichtig ist es, Themen für die Zukunft zu identifizieren, die zu uns passen und zugleich nach vorne führen. Wichtig ist es aber vor allem, Dinge nicht versanden zu lassen. Wir hatten in der Stadt schon viele Runden. Es werden dann Themen formuliert, lange war es Tourismus dann auch mal ein mögliches „Cluster Lernen“, heute ist es die Wasserstoff-Technologie. Themen müssen länger gären und wachsen können. Und man sollte immer überlegen, wen hole ich – von innerhalb und außerhalb der Stadt – mit an den Tisch. Es gibt heute die passenden Konzepte, wie eine soziale Gemeinschaft sich entwickeln kann. Eine besondere Rolle, spielen dabei spannende Geschichten. In der Hinsicht kann dann durchaus auch ein Seilbahn-Projekt von Sterkrade über das Centro bis zur Innenstadt, wie es im Kommunalwahlkampf diskutiert wurde, in die vielversprechende Richtung führen. Eine solche Idee knüpft an großen Themen an, sie ist ökologisch, entlastet den Verkehr und begeistert Menschen innerhalb und außerhalb der Stadt. Wenn, es zudem ökonomisch solide gemacht ist, warum nicht?

Sonja Bongers: Wie viel bringt denn für Sie ein Blick nach draußen? Andere Problemkommunen in Europa sind ja erfolgreiche Wege gegangen.

Hartmut Scholl: Man sicher viel lernen, wie woanders Probleme mit Kreativität und Augenmaß gelöst wurden. Ich empfehle fraktionsübergreifende Reisen zu solchen Orten des Wandels. Dann kommen sich auch gleich die handelnden Menschen näher und frisch gewonnene Eindrücke geraten nicht in langwierige und zur Versandung führende Diskussionen zwischen den politischen Lagern. Und nehmen Sie dann auch gleich weitere Menschen aus der Stadtgemeinschaft mit.

Sonja Bongers: Herr Scholl, Sie haben unter anderem in London studiert und in der Schweiz an der Universität St. Gallen gearbeitet, internationale Projekte betreut und trotzdem leben sie in Oberhausen. Was bedeutet es für Sie, Oberhausener zu sein?

Hartmut Scholl: Tja, dazu könnte ich eine kleine Geschichte erzählen. Ich bin Ostern 2019 allein zum Standup-Paddeling zu einer einsamen Inselkette in die Karibik geflogen. Als ich auf dem Wasser unterwegs war, traf ich eine Yacht, die gaben mir Wasser und nahmen mich ein Stück mit. Die fragten mich wo ich herkomme. Ich sagte aus Oberhausen. Kannten die natürlich nicht, Köln war bekannt, Oberhausen nicht. Dann fragten sie mich, wie ich auf diese verrückte Idee gekommen bin, hier entlang des Exuma Cays auf einem Stand-Up-Paddling-Board zu reisen. Ich antwortete – in dem Moment mit voller Überzeugung, dass dieser Trip vermutlich ganz viel damit zu tun hat, wo ich herkomme. Vor hundert Jahren haben sich mutige Menschen aus ganz Europa in Richtung Ruhrgebiet aufgemacht, in Oberhausen fußgefasst und sich durchgesetzt. Das hat man dann in den Genen.

Sonja Bongers: Zum Abschluss noch eine Frage, was machen sie nach dem Ende der Pandemie als erstes?

Hartmut Scholl: Ich glaube, ich würde gerne mal wieder in meine Kneipe „Bolleke“ an der Obermeidericher Straße gehen. Mich in aller Ruhe an die Theke stellen, lesen, plaudern und ein kühles Bier trinken.

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