spd-oberhausen.de

Corona-Gespräche | 07

Heute zu Gast: Gesa Reisz, Leiterin der Volkshoschschule Oberhausen

„Wir leben vom direkten Austausch. Das können Onlineformate nicht ganz ersetzen“

Gesa Reisz ist Leiterin der Volkshochschule Oberhausen, promovierte Politikwissenschaftlerin, Mahnerin für Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern und Weltbürgerin. Im Gespräch berichtet sie über die Weiterbildung in der Pandemie.

Sonja Bongers: Wie schaffen Sie das, als Volkshochschule die Angebote in der Pandemie aufrecht zu erhalten?

Gesa Reisz: Das ist unterschiedlich, es hängt vom Bildungsthema und der Zielgruppe ab. Bei der beruflichen Bildung wie zum Beispiel der Ausbildereignungsprüfung oder bei Schulungen für den offenen Ganztag gibt es für die Teilnehmer ein berufliches Ziel. Da ist die Motivation sehr hoch, das trotz Corona in irgendeiner Form weiter zu betreiben und abzuschließen. Das sind auch Formate, die wir sehr gut online übertragen können.

Sonja Bongers: Gibt es denn auch Gruppen, wo das schwieriger ist?

Gesa Reisz: Ja klar. Besonders bei Leuten, die jetzt Deutsch als Sprache lernen oder alphabetisiert werden oder ihren Schulabschluss machen, ist das nicht so leicht.

Sonja Bongers: Warum ist das problematisch?

Gesa Reisz: Häufig sind die Kompetenzen alleine ohne direkte Anleitung der Lehrerkraft, der daneben steht und verfügbar ist, zu lernen nicht vorhanden. Online zu lernen, erfordert mehr Eigenverantwortlichkeit für den eigenen Lernprozess. Das können längst nicht alle Teilnehmenden mitbringen beziehungsweise hatten die Chance, diese Kompetenz zu erwerben.

Sonja Bongers: Sind denn die Teilnehmer wie Zuwandererinnen und Zuwanderer denn technisch so ausgestattet, online überhaupt dem Unterricht folgen zu können?

Gesa Reisz: Das kommt auch noch dazu. Viele verfügen nicht über das notwendige Endgerät wie PC oder Laptop. Und mit dem Handy kann man vielleicht ansatzweise dem Unterricht folgen, aber richtig gut klappt es damit nicht.

Sonja Bongers: Was kann man dann machen, um überhaupt noch Erfolge zu erzielen?

Gesa Reisz: Wir haben zum Beispiel viele Schulungsmappen verteilt. Zudem haben wir Leute, bei denen das technisch klappte, per Telefoncoaching in die Cloud geholt und sie so am Onlineunterricht teilnehmen lassen.

Sonja Bongers: Welche Cloud?

Gesa Reisz: Wir sind technisch gut aufgestellt. Die Volkshochschulen verfügen deutschlandweit über ein eigenes Cloudsystem, in dem man sämtliche Kurse online sehr gut darstellen kann. Das schließt Gruppenräume, Dokumentenablage, Videokonferenzen und Material zum Abrufen mit ein.

Sonja Bongers: Was ist denn mit den klassischen Sprachlerngruppen mit denen man die VHS oftmals in Verbindung bringt?

Gesa Reisz: Also Leute, die bei uns zum Beispiel Englisch oder Französisch lernen, die haben sich direkt mit dem Dozenten zusammengesetzt und die Onlinemöglichkeiten genutzt. Neue Formate, bei denen die Leute sich untereinander nicht kennen oder die Lehrkraft nicht kennen, werden, was die Onlineformate angeht, eher zurückhaltend gebucht. Es ist wohl der soziale Aspekt, der hier wirkt: Auf wen lasse ich mich da ein? Das scheint einige zu hemmen. Das ist anders als im klassischen direkten Unterricht.

Sonja Bongers: Wie ist das mit dem Datenschutz bei Onlineangeboten. Gibt es da Probleme?

Gesa Reisz: Die Angebote sind alle datenschutzkonform, auch wenn wir zum Beispiel Zoomlinks anbieten.

Sonja Bongers: Online ist ja ganz schön, aber reicht das auf Dauer aus?

Gesa Reisz: Nein. Zum Beispiel bei Angeboten, die wir in der politischen Bildung haben, leben die Kurse vom direkten Austausch, von der Diskussion unter den Teilnehmenden. Das ist online schwieriger und weniger direkt. Es fehlt einfach die Lebendigkeit. Vielen Menschen fehlt zudem auch einfach mal zuhause rauszukommen, der Austausch mit anderen, das Lernen miteinander. Es ist der soziale Faktor, der eine große Rolle spielt.

Sonja Bongers: Inwieweit schränken die sich ständig ändernden Coronaschutzverordnungen die Arbeit einer Volkshochschule ein?

Gesa Reisz: Es ist schon hart für Pädagoginnen und Pädagogen in einer Stadt wie Oberhausen zu planen, neue Ideen umzusetzen, Formate zu überlegen, wenn auf einmal gar nicht mehr klar ist, ob das überhaupt geht. Ständig werden unsere Planungen verschoben. Und die Verwaltungskolleginnen managen dann die Absagen und die Kommunikation mehrfach. Da benötigt man viel Optimismus, um sich immer wieder zu motivieren. Bei uns kommt die Motivation immer aus der gelungenen Veranstaltung. Das fehlt jetzt einfach. Aber wir motivieren uns gegenseitig.

Sonja Bongers: Wie läuft jetzt in Corona die Zusammenarbeit mit den Volkshochschulen anderer Städte?

Gesa Reisz: Es läuft genauso gut wie vorher. Im VHS-Landesverband hat man sehr viel Kontakt. Das ist sogar fast intensiver geworden. Besonders in unserer kleinen Kooperationen mit Duisburg Mülheim und Essen ist man regelmäßig im Austausch.

Sonja Bongers: Werden die Lehrkräfte bei der VHS denn auch geimpft?

Gesa Reisz: Nein, da der Schulbesuch um einen höheren Schulabschluss zu erlangen bei uns freiwillig ist und somit keine Schulpflicht besteht, sind unsere Lehrkräfte von den Impfplänen, die für andere Lehrerinnen und Lehrer an herkömmlichen Schulen gelten, ausgenommen. Und das, obwohl wir auch Lehrkräfte über 60 haben.

Sonja Bongers: Welchen konkreten Verbesserungsbedarf würden Sie der Politik mit auf den Weg geben?

Gesa Reisz: Ich fände es gut, wenn die Weiterbildung nicht an allerletzer Stelle in den Planungen und Finanzierungen bedacht würde. In NRW gibt es mehr Fälle gemeinwohlorientierter Bildung als Schülerinnen und Schüler und Studierende zusammen. Wir sind mit unserer Bildungsarbeit für das komplette Leben zuständig. Schule, Ausbildung und Studium sind irgendwann beendet, aber wir begleiten die Menschen ihr Leben lang mit unseren Angeboten.

Sonja Bongers: Wenn Corona eingedämmt ist, was machen Sie als erstes?

Gesa Reisz: Haufenweise Umarmungen nachholen. Mit meiner Tochter zu Judo-Wettkämpfen fahren, reisen und Sally Perel wieder nach Oberhausen einladen.

X
Send this to a friend