
Sonja Bongers ist Erste Bürgermeisterin der Stadt Oberhausen und Mitglied des Landtags von Nordrhein-Westfalen
Eine leistungsfähige und gerechte Gesundheitsversorgung im Quartier ist eine zentrale Voraussetzung für soziale Teilhabe, Selbstbestimmung und ein gutes Leben für Menschen jeden Alters. Nordrhein-Westfalen steht dabei vor tiefgreifenden demografischen, sozialen und strukturellen Herausforderungen, die sich auf kommunaler Ebene stark zuspitzen werden.
Der aktuelle Wohnungsmarktbericht 2025 der NRW.Bank zeigt deutlich: Der Wohnungsbestand in NRW ist auf das Altern der Gesellschaft bislang nur unzureichend vorbereitet. Der Anteil barrierefreier und rollstuhlgerechter Wohnungen ist weiterhin viel zu gering, während die Nachfrage massiv steigt. Der Bericht gibt an, dass bis 2050 40 Prozent mehr Personen im Alter über 80 in NRW leben, während es gleichzeitig kaum barrierefreie Wohnungen gibt.
In den letzten zehn Jahren wurden nur 62.000 Wohnungen barrierefrei gebaut, rollstuhlgerecht davon nur 1.000. Die Folge: Bereits heute sind viele Menschen mit Mobilitäts- oder Sinneseinschränkungen gezwungen, in nicht barrierefreien Wohnungen zu verbleiben, was Pflegebedarfe verschärft, Stürze begünstigt und zu verfrühten Heimaufnahmen führt.
Gleichzeitig verschärfen steigende Mieten, ein angespannter Wohnungsmarkt und der Mangel an quartiersnahen Unterstützungsstrukturen die soziale Spaltung. Eine bedarfsgerechte Gesundheits- und Pflegeversorgung beginnt deshalb nicht erst in der Arztpraxis, sie beginnt im Wohn- und Quartierumfeld der Menschen.
Parallel dazu nimmt Einsamkeit als ernstzunehmendes gesundheitliches Risiko deutlich zu. Sie betrifft nicht nur hochaltrige Menschen, sondern auch Alleinerziehende, Menschen mit chronischen Erkrankungen, pflegende Angehörige und zunehmend auch jüngere Menschen. Einsamkeit erhöht nachweislich das Risiko für seelische Erkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Pflegebedürftigkeit. Prävention und soziale Teilhabe müssen deshalb als feste Bestandteile der Gesundheitsversorgung im Quartier verstanden werden.
Es müssen Voraussetzungen in den Quartieren geschaffen werden, die mehr Begegnungsorte für Menschen jeden Alters schaffen. Treffpunkte, für die Nachbarschaft oder kulturelle Angebote sind kleine Bausteine, die dabei helfen können, dass Menschen sich weniger einsam fühlen können. Zugleich gerät die ambulante medizinische Versorgung zunehmend unter Druck. In vielen Regionen NRWs droht eine Unterversorgung durch Hausärztinnen und Hausärzte sowie durch Fachärztinnen und Fachärzte.
Zuletzt mussten gesetzlich versicherte Patientinnen und Patienten in NRW durchschnittlich 42 Tage auf einen Facharzttermin warten – in speziellen Fällen ist die Wartezeit sogar noch deutlich höher. Ein Zustand, der weder der Gesundheit des Patienten noch dem Vertrauen in das Gesundheitssystem nutzt.
Die Altersstruktur der Ärzteschaft verschärft dieses Problem weiter. Viele Praxen finden keine Nachfolgerinnen oder Nachfolger; Neugründungen bleiben aus, insbesondere dort, wo wirtschaftliche Risiken hoch und strukturelle Unterstützung gering sind. Lange Wege, lange Wartezeiten und eine fragmentierte Versorgung sind die Folge.
Ein wissenschaftliches Gutachten des Landtags NRW kommt zu dem Ergebnis, dass eine stärkere gemeinwohlorientierte oder durch die Kommunen gesteuerte Förderung von Medizinischen Versorgungszentren durch das Land NRW geboten und möglich ist.
Vor diesem Hintergrund ist es notwendig, die Förderrichtlinie des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS) so anzupassen, dass künftig ausschließlich Kommunen oder gemeinnützige Träger eine Förderung für MVZ in Regionen mit drohender oder bestehender Unterversorgung erhalten.

